Gedichte

 

 

 **      Rena´s Traumuhr    ** 


 

 

 

Mensch

Ein Mensch von gründlicher Natur
Macht bei sich selber Inventur.
Wie manches von den Idealen,
Die er einst teuer musste zahlen,
Gibt er, wenn auch nur widerwillig,
Weit unter Einkaufspreis, spottbillig.
Auf einen Wust von holden Träumen
Schreibt er entschlossen jetzt:
"Wir räumen!"
Und viele höchste Lebensgüter
Sind nur mehr alte Ladenhüter.
Doch ganz vergessen unterm Staube
Ist noch ein Restchen alter Glaube,
Verschollen im Geschäftsbetriebe
Hielt sich noch ein Quentchen Liebe,
Und unter wüstem Kram verschloffen
Entdeckt er noch ein Stückchen Hoffen.
Der Mensch, verschmerzend seine Pleite,
Bringt die drei Dinge still beiseite
Und lebt ganz glücklich bis zur Frist,
Wenn er noch nicht gestorben ist.

Eugen Roth

 

 

 

An einen verlorenen Freund

Ich sah die Tränen, die verschwiegnen,
die hinter deine Lider drangen,
als du der vielen unerstiegnen
Pfade dachtest, die du nicht gegangen.

Als meine Worte, ohne es zu wollen,
dir weckten, wie wir einst vereint geschritten,
als du empfandst im martervollen
Herzen, was dir abgeschnitten.

Nicht abgeschnitten durch dich selber so,
als durch das Weib, das all dein Leben lähmte,
die breite, niegestillte, niegezähmte
Bestie, nur auf deinem Schweiße froh.

Ich sah's und hemmte selber kaum die Tränen,
wie du so standst, von Scham und Gram zerfressen, -
ich sah's und knirschte heimlich mit den Zähnen ...
Vergib, dass ich es sah. Es sei vergessen.

Christian Morgenstern  

 

 

 

 

Der Blinde und der Lahme           

Von ungefähr muß einen Blinden
Ein Lahmer auf der Straße finden,
Und jener hofft schon freudenvoll,
Daß ihn der andre leiten soll.
 
Dir, spricht der Lahme, beizustehn?
Ich armer Mann kann selbst nicht gehn;
Doch scheints, daß du zu einer Last
Noch sehr gesunde Schultern hast.
 
Entschließe dich, mich fortzutragen:
So will ich dir die Stege sagen:
So wird dein starker Fuß mein Bein,
Mein helles Auges deines sein.
 
Der Lahme hängt mit seiner Krücken
Sich auf des Blinden breiten Rücken.
Vereint wirkt also dieses Paar,
Was einzeln keinem möglich war.
 
Du hast das nicht, was andre haben,
Und andern mangeln deine Gaben;
Aus dieser Unvollkommenheit
Entspringet die Geselligkeit.
 
Wenn jenem nicht die Gabe fehlte,
Die die die Natur für mich erwählte:
So würd er nur für sich allein,
Und nicht für mich, bekümmert sein.
 
Beschwer die Götter nicht mit Klagen!
Der Vorteil, den sie dir versagen
Und jenem schenken, wird gemein,
Wir dürfen nur gesellig sein.

Christian Fürchtegott Gellert  

 

 

 

Von Unbekannt

 

Dann, wenn Du gehst, scheinst Du mir nie gewesen.
Ich finde mich, wie der vom Traum erwacht,
Versehnt nach einer nächsten tiefern Nacht,
Zur alten Lüge lächelnd zu genesen.
Dann, wenn Du kommst, weiß ich mich nicht erhalten Je ohne Dich,
Du Herz der toten Welt: Du Brand, vor dessen Glut mich das Erkalten,
Dem ich entrann, erinnernd überfällt
- So schwank ich, willig immer zu verlachen Der frühern Stunde Armut;
find ich mich Zwischen Phantomen taumelnd;
in den Rachen Gleit ich der Zeit, unwissend:
liebt ich Dich Eben im Traum, eben im Traum-Erwachen?
Dies nur: ich tats, blieb unabänderlich.

 

 

Das Lachen

Höre oh Freund und Bruder:

Wenn Du ein Kamel hast,
so habe acht, es langsam zu führen, denn du musst an
seine weichen Füsse denken, denen die harten
Bergwege Schmerz bereiten, da sie an den weichen
Wüstensand gewohnt sind. Wenn du ein Pferd hast,
lasse dich leicht sein auf seinem Rücken, dass es
dich wie eine Wolke fühle und daher fliege gleich
dem Wind. Wenn du einen Gedanken hast, oh Freund
und Bruder, so lasse ihn leise schreiten, mit des
Kamels weichen Füssen, lasse ihn daherbrausen mit
des edlen Pferdes heisser Hast und bleibe du selbst
verborgen wie in einer Wolke. Wenn du aber in
deinem Geiste eine wunderbare Lüge birgst, so mache
aus ihr ein Gedicht oder ein Lachen oder beides,
und reite schnell, sehr schnell - denn wer ein
Lachen bringt mit dem Atem einer Lüge, bringt ein
Geschenk.
 
Elsa Sophia von Kamphoevener

 

 

Weil du nicht da bist          

Weil du nicht da bist, sitze ich und schreibe
All meine Einsamkeit auf dies Papier.
Ein Fliederzweig schlägt an die Fensterscheibe.
Die Maiennacht ruft laut. Doch nicht nach mir.
 
Weil du nicht bist, ist der Bäume Blühen,
Der Rosen Duft vergebliches Bemühen,
Der Nachtigallen Liebesmelodie
Nur in Musik gesetzte Ironie.
 
Weil du nicht da bist, flücht ich mich ins Dunkel.
Aus fremden Augen starrt die Stadt mich an
Mit grellem Licht und lärmendem Gefunkel,
Dem ich nicht folgen, nicht entgehen kann.
 
Hier unterm Dach sitz ich beim Lampenschirm;
Den Herbst im Herzen, Winter im Gemüt.
November singt in mir sein graues Lied.
»Weil du nicht da bist« flüstert es im Zimmer.
 
»Weil du nicht da bist« rufen Wand und Schränke,
Verstaubte Noten über dem Klavier.
Und wenn ich endlich nicht mehr an dich denke,
Die Dinge um mich reden nur von dir.
 
Weil du nicht da bist, blättre ich in Briefen
Und weck vergilbte Träume, die schon schliefen.
Mein Lachen, Liebster, ist dir nachgereist.
Weil du nicht da bist, ist mein Herz verwaist.

Mascha Kaléko

 

Mensch

Ein Mensch - was noch ganz ungefährlich -
Erklärt die Quanten (schwer erklärlich).
Ein zweiter, der das All durchspäht,
Erforscht die Relativität.
Ein dritter nimmt, noch harmlos, an,
Geheimnis stecke im Uran.
Ein vierter ist nicht fernzuhalten
Von dem Gedanken, kernzuspalten.
Ein fünfter - reine Wissenschaft -
Entfesselt der Atome Kraft.
Ein sechster, auch noch bonafidlich*,
Will sie verwerten, doch nur friedlich.
Unschuldig wirken sie zusammen:
Wen dürfen, einzeln, wir verdammen?
Ist`s nicht der siebte oder achte,
Der Bomben dachte und dann machte?
Ist`s nicht der Böseste der Bösen,
Der`s dann gewagt, sie auszulösen?
Den Teufel mag man nicht erwischen:
Er steckt von Anfang an dazwischen.

* bona fide = guten Glaubens, gutgläubig


Eugen Roth

 

 

 

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