Nachdenkliches

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Für Harry,

Ein Freund ist jemand, der da ist. Er mag weit weg sein, in anderen Zusammenhängen, anderen Lebensumständen, in einem fernen Land. Der Freund ist immer noch da. Man berät sich mit ihm, wenn man nicht weiter weiß, auch wenn man dabei vielleicht nur Selbstgespräche führt. Man fragt sich bei dem was man tut: Was würde der Freund davon halten? Wie würde er die Sache angehen.

Ein Freund ist jemand, der das eigene Menschsein runder macht und voller. Er kann bestärken. Er kann aber auch Korrektiv sein, eine Ergänzung und eine Art Leuchtturm, wenn dunkle Zeiten kommen. Manchmal hilft einem schon der Gedanke an den Freund, über schwere Zeiten hinweg. Ein Freund muss nicht schonen und schönen. Er kann rückhaltlos seine Meinung sagen, denn das Band der Freundschaft, einmal geknüpft, ist sehr dehnbar und haltbar.

Ein Freund darf sich Dinge erlauben, die wir anderen Menschen nicht durchgehen lassen würden. Ein Freund ist das gedoppelte Ich, das andere Selbst. Deshalb gehört Freundschaft zu den grossen Geschenken des Lebens, die man niemals ganz auspacken sollte. Was auch geschieht, sollte man sich einen Rest aufbewahren, auf den man sich freuen kann.

(Hermann-Josef Schüren)

 

 

 

Freundschaft

Was aber hätt ich von dieser Welt,
Und hätt ich, was ich wünscht, im Nu,
Was Herz erwärmt und Geist erhellt,
Und hätt keinen Freund dazu?

Was hätt ich von aller Liebe gar,
Was hätt ich von dem funkelnden Wein,
Wenn Alles, was süß mir ist und war,
Nur blühte für mich allein?

Was wollt ich mit der schwellenden Brust
Und schütte sie arglos nimmer aus?
Vergrabenes Leid, verschlossene Lust,
Das ist der Seelengraus.

Der Alles überdauern muss,
Wenn dir so manche Blüte geknickt,
Das ist des Geistes kräftiger Genuss,
Der ewig verjüngt, erquickt.

Es ist allein der liebende Freund,
Der Einen ganz und gar versteht,
Der mitgelacht und mitgeweint,
Geerntet, was mitgesät.

Dann erst, o dann, geschähs einmal,
Da würd es einsam in dir und leer,
Wenn deine Freunde wegstürben all,
Würde dirs Leben schwer.

Ludwig Eichrodt (1827-1892)

 

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